Freitag, 22 Oktober 2021

Exkursion der BOS I 19 : Zu Fuß durch zwei Jahrtausende

Autor: Herr Keller 

Seit März 2019 hat der Pokal „Abraham - Vater des Glaubens" für ein Jahr seinen Platz in der BBS Wirtschaft 2 gefunden. Die Künstlerin Waltraud Suckow, die das Kunstwerk 2001 geschaffen hat, will den Pokal interpretiert wissen „als einende Basis der drei Weltreligionen und zugleich Brückenschlag über trennende ethnische und religionsphilosophische Inhalte unserer Völkergeschichte".

Im Rahmen des Deutschunterrichts wurde deshalb die Lektüre „Nathan der Weise“ gewählt, da Lessing in seinem letzten großen Stück besonders die Themenschwerpunkte Humanismus und den Toleranzgedanken der Aufklärung hervorhob.

Aus diesem Grund trafen sich am 17. Oktober die Schüler der BOS I 19 in Begleitung der Ethiklehrer Johannes Mergl und Armin Schöps um zusammen mit dem Deutschlehrer herauszufinden, was in unserer Region an historischen Stätten zu diesem Thema noch aufzufinden ist.

Wo sonst, außer in Worms, das mit Trier um den Titel „Älteste Stadt Deutschlands“ kämpft, könnte das gelingen? Die Zeitreise begann mit der Verfolgung der Anhänger des Christentums durch die der Vielgötterei verbundenen Römer (erst ab 380 n. Chr. wird es zur Staatsreligion). Im Stiftsgebäude und der angrenzenden Martinskirche war der Heilige Martin 357 n.Chr. eingekerkert, weil er den Kriegsdienst verweigerte. Das Stift Sankt Martin in Worms ist jetzt Pilgerstation auf dem Europäischen Kulturweg "Via Sancti Martini". Martin war Offizier und zunächst in Amiens stationiert. Er trug als Angehöriger der Reiterei der Kaiserlichen Garde die Chlamys, einen weißen Überwurf aus zwei Teilen im oberen Bereich mit Schaffell gefüttert, den er an einem kalten Wintertag mit einem frierenden Bettler teile. In der darauffolgenden Nacht soll ihm Jesus mit eben diesem Mantel erschienen sein. In Worms verweigerte er nun den Dienst mit der Waffe, wurde inhaftiert, gelangte jedoch über viele Umwege wieder nach Frankreich, wo er als Bischof von Tour am 8.11.397 n.Chr. verstarb.

Martin war Bindeglied zwischen Rom und dem Reich der Franken. Er verkörperte als asketischer Mönch das spätantike Ideal eines Bischofs. Als Nothelfer und Wundertäter wurde Martin schnell in der gesamten Touraine bekannt. Statt in einem Palast zu leben, wohnte er lieber in den Holzhütten vor der Stadtmauer.

St. Martin mit dem Toreingang zum Stiftshof

Die Reise ging nun weiter durch das mit der einsetzenden Volkerwanderung beginnende Mittelalter.

Wie es der Nackenheimer Carl Zuckmayer treffend formulierte steht Rheinhessen für die Völkermühle Europas. Im Stück Des Teufels General vergleicht die Hauptfigur, General Harras, den Rhein mit der großen Völkermühle, die er die „Kelter Europas“ nennt. Dies bezieht sich darauf, dass unsere Region im Lauf der Geschichte immer wieder Drehscheibe, Durchzugsgebiet und Handels-route verschiedenster Völker war. Daher habe hier ein intensiverer Austausch stattgefunden als in anderen Gegenden. Wie kann dann ein Volk oder eine Religion sich mit Lessings Worten angesichts der eigenen Abstammung über andere hinwegsetzen wollen?

Mit der Nibelungensage hat Worms auch für diesen Zeitraum viel zu bieten. Die Ursprünge reichen bis in das so genannte heroische Zeitalter der Völkerwanderung zurück: Als ein zentraler historischer Kern der Erzählung gilt die Zerschlagung des Machtbereiches der Burgunden in Worms am Rhein zu Zeiten der Spätantike durch den weströmischen Magister Militum Aetius mit Hilfe hunnischer Truppen.

Die Burgunden hatten Westrom seit etwa 411 n.Chr. als Söldner gedient und im kaiserlichen Auftrag die Rheingrenze bewacht. Als die weströmische Regierung Schwäche zeigte, wollte der burgundische Anführer Rex Gunthahar (König Gunther) die Gelegenheit nutzen, um seinen Machtbereich auf eigene Faust auf die reiche Provinz Belgica auszuweiten. 435 wurde er aber von römischen Truppen zurückgeschlagen und 436 entschied sich Aetius, der damals für den jungen Kaiser Valentinian III. die Regierung führte, die Burgunden für den Vertragsbruch zu bestrafen. Er heuerte tausende Hunnen an, die den nichtsahnenden Gunthahar angriffen und ihn und die meisten seiner Männer töteten. Die Überlebenden wurden einige Jahre später an der Rhone in Savoyen (Burgund) angesiedelt.

Der Autor des Nibelungenliedes (Bligger von Steinach oder Walther von der Vogelweide) verlegt die Handlung 600 Jahre später an den mittlerweile durch die Salier gebauten Kaiserdom. Hier hatten wir eine kompetente Führung durch Frau Schacht. Da die Zeitgenossen zumeist weder lesen noch schreiben konnten, wurde das gotische Südportal als Bilderbibel ausgestaltet.

Das Judentum sieht sich in dieser Zeit erneut verstärkten Anfeindungen ausgesetzt. Stellvertretend ist die Synagoga mit verbundenen Augen dargestellt, da die Juden die Göttlichkeit Christi nicht erkannten.

Am Dom erinnert eine Gedenktafel an prunkvolle „Märchenhochzeit zu Worms“, denn Kaiser Friedrich II heiratet hier am 15.Juli 1235 völlig überraschend Isabella von England, die eigentlich die Braut seines Sohnes Heinrich VII war.

Sie war eine Tochter von König Johann Ohneland; Friedrich aus dem Geschlecht der Staufer war etwa 20 Jahre älter als sie.

Der Kaiser über das Römische Reich war hochgebildet und beherrschte mehrere Sprachen, unter anderem Italienisch, Französisch, Latein, Griechisch, Mittelhochdeutsch und Arabisch. Er wurde auch "stupor mundi" – das Erstaunen der Welt – genannt, gilt allgemein als ein „Wunderwesen“ unter den deutschen Herrschern des Mittelalters und wurde sogar als der „erste moderne Mensch auf dem Thron“ (Jacob Burckhardt) bezeichnet, was auch die Aufklärer außerordentlich inspiriert hat. Friedrich ist der Herrscher, der in Lessings Stück den mehrjährigen Frieden mit Sultan Saladin und den freien Zugang zu den Heiligen Stätten in Jerusalem ausgehandelt hat. Daher trägt er auch den Titel „König von Jerusalem“. Wie heute noch unter den Herrschern in der arabischen Welt üblich, pflegte Friedrich die Kunst der Falknerei und schrieb sogar ein Buch darüber.

Friedrich II. mit seinem Falken. Aus seinem Buch "De arte venandi cum avibus" (Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen), sogenannte Manfred-Handschrift (Biblioteca Vaticana)

Er spielt lieber Schach mit dem Sultan, statt auf dem Schlachtfeld Menschenleben zu opfern. Für sein Vorgehen wird der Kaiser vom Pabst bereits vor der Ankunft im heiligen Land exkommuniziert. Seine Rechtfertigung, dass Krankheiten und Intrigen seine Truppen geschwächt hätten, erkennt das Kirchenoberhaupt nicht an. Dies führt dazu, dass der Templerorden ihm zunächst die Gefolgschaft verweigert. In der Lektüre stammt der Tempelritter, der Nathans Tochter rettet, mütterlicherseits auch aus dem Geschlecht der Staufer und ringt zunächst mit den strengen Ordensregeln, bevor ihn Lessing im Sinne der Aufklärung ganz nach seinem gereiften Gewissen handeln lässt. Nun folgt eine Zeit, in der Christen, Muslime und Juden einigermaßen friedlich in Jerusalem leben. Friedrich betet regelmäßig in der Grabeskirche Christi, was ihm unter den Kreuzrittern großes Ansehen verschafft. Nach seiner Rückkehr wird das Wormser Paulusstift im Angedenken mit der Nachbildung der Grabeskirche auf beiden Türmen gekrönt.

links: Die renovierten Türme des Paulusstiftes, heute noch Sitz des Dominikanerordens in Worms

rechts: die Grabeskirche in Jerusalem zur heutigen Zeit

Wie kommt es, dass dieser friedliebende Charakter seinem Sohn die Braut wegnimmt? Dazu gehen wir nur wenige Meter weiter zum Luginsland, den einst mächtigsten Wehrturm an der Südwestseite der Stadtmauer. In diesen Turm ließ Kaiser Friedrich II im Jahre 1235 den deutschen König, seinen Sohn Heinrich VII, inhaftieren, den er im Jahre 1228 in dieses Amt erhoben hatte. Er selbst hielt sich überwiegend in Italien (Castel del Monte) auf und überließ Heinrich die königlichen Geschäfte in Deutschland. Bald kam es zu politischen Spannungen, die darin gipfelten, dass sich Heinrich gegen seinen Vater, den Kaiser, auflehnte. In Deutschland begannen Unruhen. Die Verbündeten bei dieser Revolte waren große Städte, wobei Worms aber kaisertreu blieb. Hier wurde Heinrich schließlich der Prozess gemacht. Er wurde zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt. Im Luginsland trat er sie an.

links: Der Kerkerturm Luginsland im Jahr 1912. Die Brauerei-Famile Werger (heute in der Eichbaum-Brauerei aufgegangen) hatte ihren Familiensitz nach seinem Vorbild an der historischen Stelle erbaut. Der mittelalterliche Turm war noch etwa 1/3 höher.

rechts: Die heutige Ansicht nach den Angriffen im März 1945.

Ein weiterer berühmter, "unfreiwilliger" Besucher hielt sich dort 40 Jahre vorher auf. Der englische König Richard I, genannt "Löwenherz", hat während seiner Gefangenschaft 1194 zunächst für einige Wochen in Worms auf die Erfüllung der Lösegeldforderung gehofft. Danach wurde er für fast 2 Jahre auf die Reichfeste Trifels bei Annweiler verbracht. Er war Isabellas Onkel und hatte sich 1187 zur Teilnahme am 3. Kreuzzug verpflichtet, da nach der Niederlage in der Schlacht bei Hattin (auf die Saladin in der Lektüre anspielt) und dem Verlust Jerusalems am 2. Oktober 1187 Papst Gregor VIII. dazu aufgerufen hatte.

Als Friedrich I (Barbarossa) bei einer Flussüberquerung ertrunken war, zog so sich das deutsche Kontingent zurück. Die beiden anderen Hauptheere sollten dann von König Philipp II. von Frankreich und Richard Löwenherz angeführt werden. Lange vor dem Eintreffen der beiden westeuropäischen Monarchen war Leopold von Habsburg an der Belagerung Akkons beteiligt. Er war zwar der ranghöchste Fürst vor Ort, verfügte aber nur über geringe Ressourcen und konnte damit kaum etwas durchsetzen. Richard beleidigte und missachtete den Herzog mehrfach öffentlich, sodass der Österreicher bei der Rückkehr Richards durch seine deutschen Bundesgenossen für dessen Inhaftierung sorgte.

Als Richards Bruder Johann Ohneland (Isabellas Vater) von dessen Gefangenschaft erfuhr, suchte er in Paris umgehend zum eigenen Vorteil die Unterstützung Philipps II. Im Januar 1193 begab er sich an den französischen Hof. Auf diese Weise wollte er sich das Erbe sichern. Vom französischen König wurde er mit der Normandie belehnt. Philipp unterstützte Johanns Ambitionen auf den englischen Thron und dieser leistete ihm einen Lehenseid. Außerdem bot Philipp unzufriedenen Adligen in den englischen Festlandsbesitzungen seinen Schutz an.

Währenddessen wurden im Wormser Freilassungsvertrag vom 29. Juni 1193 die Details geregelt. Das Abkommen ist von Roger von Howden überliefert: Das Lösegeld wurde auf 150.000 Silbermark erhöht. Für die Freilassung sollten ursprünglich 100.000 Mark Reinsilber nach Kölner Gewicht bezahlt werden. Das entsprach etwa 23,4 Tonnen. Für die weiteren 50.000 Mark sollten Geiseln gestellt werden, davon sechzig für den Kaiser und sieben für den Herzog von Österreich. Das Lösegeld sollte in London an kaiserliche Gesandte Heinrichs VI übergeben, von diesen geprüft und dann in Transportbehältnissen versiegelt werden.

links: Der charismatische Richard Löwenherz, wie ihn seine Landsleute sehen

rechts: Der gefangene Richard Löwenherz küsst in Worms Heinrich VI die Füße

In diese Zeiten fällt die Legende von Robin Hood, der der durch den Sheriff von Nottingham ausgepressten Landbevölkerung ihr Hab und Gut zurückgibt. Johann hatte in Abwesenheit des Herrschers das Land heruntergewirtschaftet und steckte die als Lösegeld erhoben Steuern in die eigene Tasche. Dennoch gelingt es seiner Mutter, Eleonore von Aquitanien, die geforderte Summe für ihren anderen Sohn aufzubringen. Dazu wurden auch große Teile des Thronschatzes geopfert. Queen Elisabeth II bedauert nach unterschiedlichen Quellen noch heute, dass im Tower kaum noch wertvolle Gegenstände aus dieser Zeit vorhanden sind.

Weitere 300 Meter an der Stadtmauer entlang sind wir auch 300 Jahre später in der Neuzeit angelangt. In Erinnerung an den Reichstag zu Worms im Jahre 1521 hat Ernst Rietschel 1868 das weltweit größte Lutherdenkmal erschaffen. Er betont die von Deutschland ausgehende Reformation als Vollendung jahrhundertlanger abendländischer Bemühungen um die Wahrheit des Evangeliums. Somit wird hier der Grundgedanke der Ringparabel erneut aufgegriffen: Die Suche nach dem wahren Glauben. Dem Entwurf liegt das Lutherlied "Ein feste Burg" zugrunde. Die quadratische Grundfläche ist an drei Seiten von Mauern umschlossen, unter deren Zinnen sich Wappen von Städten befinden, die sich der Reformation anschlossen. Auf erhöhten Postamenten stehen Persönlichkeiten der Reichspolitik und des Humanismus des 16. Jahrhunderts, die mit Luther verbunden waren. Zwischen ihnen sitzen drei allegorische Figuren, die Ereignisse und Auswirkungen der Reformation symbolisieren.

Erhobenen Hauptes blickt Luther selbstbewusst Karl V entgegen, dessen Denken auch stark von den Arabern in seinen spanischen Landesteilen geprägt wurde.

In der Mitte des Denkmals erhebt sich turmartig über Treppenstufen das Hauptpostament, auf dem Luther im Predigtrock mit der Bibel dargestellt ist. Er blickt nach dem Bereich des Bischofspalastes, wo er im Schatten des Domes 1521 vor Kaiser und Reich stand. Unter ihm sitzen auf vier Sockelpfeilern die Vorreformatoren Wyclif und Hus, der Gründer der Waldenserbewegung Petrus Waldus und der Mönch Savonarola. Viele von ihnen fanden für den wahren Glauben den Tod auf dem Scheiterhaufen.

Ebenfalls außerhalb der alten Stadtmauer liegt der älteste Judenfriedhof Europas. Der Stadtrat duldete keine fremden Gräber innerhalb der Befestigung. Daher wollten wohlhabende Juden wenigstens mit etwas Erde aus dem gelobten Land beerdigt werden. Der danach benannte "Heilige Sand" ist bis in die heutige Zeit von großer Bedeutung für Juden weltweit. Zahlreiche einflussreiche jüdische Gelehrte und Rabbiner wurden hier beigesetzt. Die ältesten Grabsteine stammen aus dem Jahre 1058/59 und dokumentieren damit die erste große Blütezeit der seit etwa dem Jahre 1000 nachweisbaren jüdischen Gemeinde in Worms.

Sind Ziel von Besuchern aus aller Welt: die Grabstätten von Rabbi Meir von Rothenburg (links, (gestorben 1293) und Alexander ben Salomon (gestorben 1307) Viele orthodoxe Juden schreiben ihre Sorgen, Hoffnungen, Genesungswünsche und Bitten auf kleine Zettel und hinterlassen sie hier. Sie glauben und hoffen, dass Gott sie dafür an diesem heiligen Ort auf besondere Weise erhört.

Im Laufe der Führung fällt uns etwas Bemerkenswertes auf: Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Grabsteine gleichförmig nach den strengen jüdischen Vorgaben gestaltet und auf Hebräisch verfasst.

Erst mit der Haskala, der fortschreitenden jüdischen Assimilation, wurden prächtigere Grabsteine verwendet und den christlichen Gepflogenheiten in lateinischer Schrift angepasst. Die Bewegung der Haskala (hebräisch: Bildung, Aufklärung) versuchte, die Ideen der Aufklärung mit den Werten des Judentums zu verbinden. Ihre Anhänger wollten aus ihr ein Werkzeug machen, mit dem sie sich einen Weg aus dem jüdischen Ghetto in die bürgerliche Gemeinschaft Mittel- und Westeuropas bahnen konnten.

Die Tatsache, dass der spätere Wegbereiter der Haskala, der junge Moses Mendelssohn, 1743 durch das einzige Tor in Berlin Einlass fand, das »für Vieh und Juden vorgesehen« war, veranschaulicht die Bedingungen, unter denen Juden in Preußen leben mussten. Lessing war mit Mendelssohn über Jahrzehnte eng befreundet. Mendelssohns Karriere vom Bettelstudenten zum ersten Juden, der Eingang in die deutsche Kulturlandschaft fand, galt lange als leuchtendes Beispiel für die Aufstiegsmöglichkeiten von Juden in Deutschland.

Im Laufe der Zeit entsteht in Worms eine zweite, die Levy’sche Synagoge. Sie war Ergebnis von Spannungen zwischen konservativen und fortschrittlichen Kreisen in der Gemeinde:

Von 1824 bis 1864 war der konservative Jakob Bamberger als Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Worms tätig. Im Gemeindeleben war aber eine fortschrittliche Fraktion sehr stark. Sie setzte durch, dass die Gemeinde einen Religionslehrer einstellte und ließ die (alte) Synagoge in den 1840er Jahren baulich modernisieren: Die Trennwand zwischen Männer- und Frauensynagoge und die gotische Bima (Lesepult, von dem aus der Tora gelesen wird) wurden entfernt, letztere in Form einer offenen Plattform ersetzt. Insgesamt konnte so über Jahrzehnte das Gleichgewicht in der Gemeinde zwischen einer konservativen Richtung und der fortschrittlichen Richtung, die nach weiter Anpassung an die christlich geprägte Umwelt strebte, gewahrt werden.

Nach dem Ausscheiden von Rabbiner Bamberger setzte sich die fortschrittliche Richtung in der Gemeinde mit ihren Rabbinern durch. Diese führten 1877 in der alten Synagoge den Gottesdienst nach reformiertem Ritus sogar mit einer Orgel ein. Der konservative Flügel der Gemeinde „wehrte“ sich gegen die Neuerungen mit dem Bau einer eigenen, der Levy’sche Synagoge. Da diese unmittelbar an Wohnhäuser der Christen angrenzt, wurde sie in der Reichskristallnacht nicht angezündet, während die alte Synagoge abbrannte. Die Haskala hatte ihre Anhänger letztlich nicht geschützt. Selbst hochdekorierte Teilnehmer des 1. Weltkrieges wurden in die Vernichtungslager deportiert.

links: Die „alte“ Synagoge

rechts: Die von den konservativen Juden gebaute Levy´sche Synagoge.                         

Manche hatten die Situation bereits vor der Jahrhundertwende entsprechend eingeschätzt und wanderten aus. Ein Beispiel ist die Grablege der Familie Blun. Geboren als fünftes Kind fand Ida Blun im fernen Amerika ihr Glück. 1871 wurde sie die Ehefrau des Geschäftsmanns Isidor Straus, Mitinhaber des Kaufhauskette Macy's mit dem Stammsitz in New York. Tragisch und romantisch zugleich ihr beider Ende: Weil sie ihren Mann nicht alleine in den Tod gehen lassen wollte, starb Ida Straus mit ihm zusammen am 15. April 1912 beim Untergang der Titanic.

Isidor und Ida Straus reisten Anfang 1912 mit ihrer 15 Jahre alten Enkelin Beatrice Straus nach Europa. Während das Enkelkind in Deutschland blieb, trat das Ehepaar die Rückreise nach Amerika an. Obwohl sie dafür üblicherweise deutsche Schiffe bevorzugten, wählten sie dieses Mal unglücklicherweise die RMS Titanic, den neuen britischen Luxusdampfer. Das damals größte Schiff der Welt lief mit 2224 Menschen an Bord an der Südküste Englands, in Southampton, zu seiner Jungfernreise aus. Vermutlich zu schnell unterwegs rammte die Titanic am 14. April um 23.40 Uhr einen Eisberg. Das Schiff sank am 15. April 1912 im Nord Atlantik und riss, da es nicht genügend Rettungsboote für alle gab, 1514 Menschen mit in den Tod. Unter den Opfern war auch das Ehepaar Straus.

Ida und Isidor Straus Die Titanic sinkt während die Bordkapelle zur Beruhigung spielt.

In der Unglücksnacht wurde beobachtet, wie Isidor und Ida Straus am Rettungsboot Nummer 8 standen. Bei ihnen war Idas Dienstmädchen, Ellen Bird. Allen dreien wollte der zuständige Offizier einen Platz im Rettungsboot geben. Isidor Straus jedoch weigerte sich einzusteigen, solange noch Frauen und Kinder auf dem Schiff waren. Er drängte seine Frau ins Rettungsboot, doch auch sie weigerte sich: "Wir haben so viele Jahre miteinander verbracht. Wo Du hingehst, da will auch ich hin", soll sie gesagt haben, wie Umstehende und diejenigen bezeugten, die bereits im Rettungsboot Nr. 8 saßen. Als das Paar zuletzt lebend gesehen wurde, saßen Ida und Isidor Straus still beieinander auf Liegestühlen an Deck - eine riesige Welle spülte über sie hinweg.
Viele der Überlebenden des Unglückes, unter ihnen auch Ellen Bird, die an Bord der RMS Carpathia in New York City ankamen, erzählten Reportern die rührende Geschichte des Ehepaares Straus und Idas Liebe und Treue bis in den Tod, als sie sich entschied, bei ihrem Mann zu bleiben. Ida Straus's Leiche wurde nie gefunden, ihr Mann Isidor wurde in New York beigesetzt.
Heute erinnert ein Denkmal in Manhattan an Isidor und Ida Straus. In späteren Verfilmungen des Schiffsunterganges wurde die Szene über die Straus's bewusst aufgenommen um ein herausragendes Beispiel für Menschlichkeit auch unter chaotischen Bedingungen zu zeigen.

Beim Verlassen des Friedhofs erkennt man seit kurzer Zeit eine Stele, obwohl generell keine Veränderungen am Heiligen Sand zulässig sind. Dennoch hat man sich dazu durchgerungen, weil Martin Buber Zeit seines Lebens ein Vermittler zwischen der bedrohten traditionellen Welt der Juden in Osteuropa und der westlichen Haskala war. Schon zu Beginn der zionistischen Bewegung und der jüdischen Einwanderung nach Palästina mahnte er eindringlich, gute Beziehungen zu den Arabern aufzubauen. Das trug ihm viel Widerspruch und Feindschaft ein.
Bei einem Besuch auf dem Heiligen Sand in Worms hielt er an dieser Stell inne und schaute über die Gräber hinüber zu dem aufsteigenden Dom. Seither ist die Blickachse als Martin-Buber-Blick bekannt. Wie im Abraham-Pokal erkennt man chronologisch als Wurzel den Jüdischen Glauben, aus dem sich in Gestalt des Kaiserdomes das Christentum entwickelt. Mehr noch: Sieht man genauer hin, erkennt der aufmerksame Betrachter am linken Turm des Westchores den orientalischen Einfluss der zurückgekehrten Kreuzfahrer.

Die langjährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Mainz/Worms, Stella Schindler-Siegreich war bei der Enthüllung auch dabei. Dieses Engagement kommt nicht von ungefähr: Der Buber-Blick spielt eine bedeutende Rolle für die Bewerbung der Schum-Städte (Mainz-Worms-Speyer) um Anerkennung als Weltkulturerbe der Unesco. Somit könnte schon 2021 diese Blickachse für immer bewahrt bleiben.

Abschließend ging unser Weg zurück entlang der Stadtmauer. Gegenüber dem Judenfriedhof findet man nicht von ungefähr das Mahnmal für die Opfer des Faschismus.  

Der auf Säulen stehende denkmalgeschützte Rundbau wurde in den 1950er errichtet. Er soll signalisieren, dass die Wormser Bevölkerung die Beeinflussung durch das NS-Regime endgültig überwunden hat sowie die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachhält und faschistischen Bestrebungen entgegentreten will.

Dies ist ganz im Sinne von Lessing, der am Ende seines Stückes verkündet, dass die Wahrheit sich  im Handeln der Menschen zeigt und nicht an den geschrieben Worten.